Fischedick 2014

Lebenskrisen – Lebenschancen: alles eine Frage der Perspektive ?!

Die Sprache mag altmodisch sein, aber der Inhalt ist zeitlos aktuell. Dass das Evangelium eine echte Lebenshilfe bietet, wenn man es richtig lesen kann, zeigte uns der Kölner Theologe und Psychotherapeut Heribert Fischedick am 26.10.2014 im Gemeindesaal der Pauluskirche in Dellbrück. Er „übersetzte“ die Erzählung vom Seewandel des Jesus und des Petrus aus dem Matthäus-Evangelium: Erschütterungen unseres Lebensaufbaus und unserer Orientierung sind unvermeidbar. Aber es gibt Wege durch unsere Lebenskrisen, so dass sie zu Lern- und Entwicklungschancen werden können.

Was ist eigentlich eine Krise? In einer Krise erleben wir eine unüberschaubare und angstmachende Situation. Wir können sie nicht erklären und wissen auch nicht, wie wir uns angemessen verhalten sollen.

In der Übersetzung von Fritz Henning Baader beginnt das Matthäus-Evangelium folgendermaßen mit der Krisenbeschreibung:

„Und sofort ‚nötigte‘ er die Lernenden, in das Schiff einzusteigen und ihm vorauszufahren in Richtung auf das jenseitige Ufer …“

Jesus zwingt die Lernenden, seine Jünger, ins Boot zu steigen, ohne dass das gegenüberliegende Ufer klare Konturen hat. Eine Krise erlebt man auch als „Nötigung“, sie wird uns aufgezwungen. Von jetzt auf gleich sind wir aus der Menge herausgelöst, wir werden auf uns selbst zurückgeworfen, wir verlieren etwas Wesentliches, das wir gewohnt sind: eine Rolle, einen Beruf, einen Menschen. Eine Quelle, aus der wir bisher Bestätigung bezogen haben, fließt nicht mehr. Wir erleben gesundheitliche Einbußen, verlieren Ersparnisse, werden durch Scheidung und Umzug aus vertrauten Bezügen herausgerissen. Wir müssen uns mit einer neuen Rolle auseinandersetzen und neue Lebenswerte finden. Manchmal sind kleinere äußere Anlässe der Auslöser, dass schwelende innere Konflikte aufbrechen. Ein mangelndes Selbstwertgefühl zum Beispiel, das lange überspielt wurde, äußert sich dann in einem Zusammenbruch.

In unserem Lebenslauf gibt es regelmäßig Entwicklungsschritte, die krisenhaft erlebt werden können: Geburt, Entwöhnung zum Ende des ersten Lebensjahres, Schulbeginn, Pubertät, Beginn der Berufstätigkeit, Verlassen des Elternhauses, Beginn einer Partnerbeziehung, Schwangerschaft, Elternzeit, Tod des Partners, das eigene Sterben. Diese Situationen sind jeweils neu und verlangen Arbeit an uns selbst. Wir müssen einen persönlichen Weg finden, sie zu bewältigen.

„Und die Menge entlösend stieg er hinauf in das Berggebiet für sich allein, um zu beten, aber als es abend geworden war, war er dort allein.“

In der Krise sind wir einsam, denn selbst die Menschen in unserer Nähe, die uns helfen wollen, erleben die Situation anders. Für viele Menschen ist Alleinsein schwierig, aber Jesus setzt sich dem gezielt aus.

„Aber das Schiff war schon mittig des Meeres als gequältwerdendes von den Wogen, denn der Wind war ihnen im Gegensatz.“

Jede Krise bedeutet einen Zusammenbruch des bisherigen Lebens. Bewährte Verhaltensmuster und Einschätzungen greifen nicht mehr. Wir verlieren die Orientierung. Die Ereignisse bedrohen unser Lebenskonzept und unser Selbstverständnis, wir verstehen uns selbst nicht mehr. Die Erschütterung quält uns. Jede Krise eröffnet einen Abgrund von Gefühlen. Angst, Panik, Wut und Depressionen erzeugen einen ungeheuren Leidensdruck. Wir erleben uns führungslos, als Spielball des Schicksals. Die Krise hat das Bisherige beendet, aber es gibt noch keine neue Perspektive. Immer wieder bekommen wir „Gegenwind“. Es scheint, als ob sich alles gegen uns verschworen hat. Bei einer Krankheit zum Beispiel kämpfen wir gegen unsichtbare Gegner – und legen uns manchmal ersatzweise mit unseren Angehörigen oder dem Pflegepersonal im Krankhaus an. Das Elend dauert viel zu lange, weder wir selber noch unsere Helfer haben Geduld. Es tut gefühlt unendlich lange weh. Wir erleben uns als hilflos, wir haben keine Kontrolle mehr, alles scheint aussichtslos.

„Aber in der vierten Wahrzeit der Nacht kam er zu ihnen, als Wandelnder auf dem Meer ….“

Wie im Märchen sind Zeit- und Ortsangaben nicht wörtlich zu nehmen, sondern als Beschreibungen von Zuständen oder Befindlichkeiten zu deuten. Mit Abend ist der Übergang von Aktivität zu Passivität gemeint, die Nacht ist die Zeit der Erholung, des Wiederaufbaus, aber auch der Dämonen. Zur Mitternacht befindet sich das Bewusstsein auf dem Tiefpunkt. Der Morgen entspricht dem Aufbruch und der Neuwerdung, mit der Helligkeit des Tages wächst auch wieder die Hoffnung.

Mit der „vierten Wahrzeit der Nacht“ (3 bis 6 Uhr) ist die Morgendämmerung gemeint, der Zeitpunkt, wo es einem langsam „dämmert“. Wir bekommen eine Idee, was wir verändern müssen.

Und: je weiter wir durch die Krise gehen, umso mehr kommt uns etwas (oder jemand) entgegen. Matthäus wählt dafür das Bild: Jesus wandelt auf dem Meer. Wofür steht das Meer? Alles Leben kommt aus dem Wasser, aber es hat auch eine todbringende Kraft. Deshalb ist es Sinnbild für alles Abgründige, das es in unserem Leben geben kann. Der größte Abgrund liegt in unserem existentiellen Dilemma: Wir wissen, dass es vor uns eine Zeit gab, und dass es nach uns eine Zeit geben wird, aber wir kennen unsere persönliche Lebenszeit nicht. Wir wissen nur, dass diese höchst gefährdet ist durch Krankheiten, Unfälle oder Zweifeln am Sinn des Ganzen.

„Aber die Lernenden als ihn Gewahrthabende als „Wandelnden gebiets des Meeres“, wurden erregt und sagten, eine Erscheinung ist es! Und von der Furch erfasst schrieen sie. Sogleich aber sprach der Jesus zu ihnen, indem er sagte: seid ermutigt! Ich, ich bin’s.“

Den „Lernenden“, also den Jüngern, „dämmert“ es, dass Wasser tragen kann. Aber sie empfinden es als sehr beängstigend, weil sie gleichzeitig wahrnehmen, wie groß die Entfernung ist und wie weit sie noch rudern müssen. Genau an diesem Punkt erfahren sie Ermutigung. Wir könnten uns nie auf etwas zu bewegen, wenn wir nicht eine Idee von unserem Ziel, von unserer Zukunft haben. Diese Idee müssen wir in uns entdecken und uns bewusst machen, das gibt uns Mut in der schwierigen Situation. Mit „ich bin“, die Übersetzung des Gottesnamens „jachwe“, gibt Jesus den Jüngern einen Kraftbegriff, er stärkt sie.

Der Verlauf von Krisen weist verschiedene Phasen auf, darunter Verdrängung, Panik, Erstarrung. Beim Erhalt schlechter Nachrichten zum Beispiel wird ein Schutzmechanismus wirksam, man lässt die Wahrheit nicht an sich heran. Dann fährt man Achterbahn zwischen Depression und Katharsis, das heißt, man lenkt die Gefühle nach innen und wird kraftlos oder man schreit und klagt. Man pendelt zwischen Gefühlen von Zuversicht und Sinnlosigkeit, man versucht, mit dem Schicksal zu verhandeln, bis man der Realität ins Auge blickt und sich fragt „was mache ich jetzt?“ Dann tauchen jenseits des Strudels von Gefühlen Visionen auf, dass das Wasser unter den Füssen tragen kann.

„Wenn du, ja du es bist, Herr, befehle mir, zu dir zu kommen auf die Wasser. Er aber sagte, komm! Und als Herabgestiegener von dem Schiff wandelte Petrus, indem er auf die Wasser kam.“

Petrus geht jetzt aufs Ganze. Er will sich auf eine neue Erfahrung einlassen und verlässt das Boot, ein Symbol für die steuernde Ich-Kraft. „Loslassen“ ist schwer, aber es ist ein wichtiges Element in der Krisenbewältigung. Petrus lässt also den kontrollierenden Verstand los. Wir kennen das Bild aus dem Märchen mit dem alternden König, der entscheiden muss, welchem seiner drei Söhne er sein Reich vererbt. Die beiden älteren Söhne verkörpern die Prinzipien Wille und Verstand. Der jüngste Sohn ist ein „Dummling“, er hat besondere Eigenschaften und ist der Lernbereiteste. In dem Märchen geht es darum, Wille und Verstand loszulassen und einer intuitiven Weisheit zu vertrauen. Wenn wir auf unsere innere Stimme hören, gewinnen wir eine andere Sicherheit als die, die wir rational begründen. Dieser inneren Stimme folgend kann Petrus auch aus dem Boot heraustreten und erleben, dass das Wasser trägt.

„Erblickend aber den Wind, wurde er fürchtengemacht und anfangend, hinabsinkengemacht zu sein, schrie er, in dem er sagte, Herr, rette mich! Sogleich aber, die Hand ausstreckend, nahm ihn der Jesus und sagt zu ihm Du Wenigtreunder, in Richtung auf was zaudertest du?

Ist alles eine Frage der Perspektive? Solange Petrus auf Jesus oder in Richtung des anderen Ufers blickt, trägt das Wasser, sobald er in den Abgrund schaut, droht er, darin zu versinken. Krisen haben ein Doppelgesicht. Wir können daran wachsen, aber auch zerbrechen. Traue ich der Vision, dann ist der Abgrund in diesem Moment verschwunden. Ich habe die Wahl, nur die Gewalterfahrung zu sehen oder mich nach dem „wozu“ zu fragen. Die Folterfrage „warum?“ zieht in den Strudel der Gefühle, „wozu?“ richtet den Blick in die Zukunft. Auch Jesus fragt in dieser Übersetzung nicht nach dem Grund des Zauderns, sondern nach der Blickrichtung des Petrus. Wir sind gewohnt, kausal zu denken, aber es geht um das Finale, um das, was Sinn gibt.

Die „Zumutung“ der Krise liegt darin, dass man sich irgendwann dafür entscheiden muss, Verantwortung zu übernehmen. Das bedeutet, anzunehmen, was ist, und weiter zu gehen. Das erfordert aufzuhören, nach Schuldigen zu suchen, und anzuerkennen, dass nur ich selber Verantwortung für mein Wohlergehen habe. Mit dieser Entscheidung bekomme ich wieder Boden unter den Füßen. Auch Jakobs Kampf mit dem Engel bzw. dem Ungeheuer berichtet von dieser Wahrheit: „Ich lasse dich nicht, es sei denn, du segnest mich!“ Will heißen: bis ich einen Gewinn aus der Krise ziehe. Und so zieht Jakob anschließend zwar hinkend, aber der Sonne (!) entgegen.

„Und als sie hinaufgestiegen waren in das Schiff, ermüdete der Wind.“

Wir haben den Grundauftrag, mit einer Krise zu ringen, bis der Wind „ermüdet“. Die Lage beruhigt sich, als Jesus ins Boot gestiegen ist. Dieses Bild meint, dass das integriert wird, was wir in der Krise entwickelt haben: ein anderes Verhalten, ein anderes Bild von uns selbst sowie die Effizienzerfahrung, dass wir etwas bewältigen können. Das stärkt und ermutigt uns für kommende Herausforderungen und Lernaufgaben.

Zu einem gelingenden Leben gehört, dass wir Verantwortung für uns übernehmen und an uns arbeiten. Dazu gehören Schlüsselfähigkeiten wie Selbstbehauptung, in Beziehung treten und vergeben zu können. Und dazu gehört die Bereitschaft, Krisen als Chancen zu begreifen, Überholtes loszulassen und Neues zu entwickeln. Probleme sind Geschenke, wenn man sie zu nehmen weiß.

In der anschließenden Diskussion zeigten sich die Zuhörerinnen und Zuhörer außerordentlich beeindruckt von den Ausführungen Fischedicks und bedankten sich mit einem lebhaften und herzlichen Applaus.

Marita Meye